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Bildungspolitik: Was jetzt dringend getan werden muss

6. April 2018:

Der neue Kultusminister Bernd Sibler hat nur noch wenig Zeit, um in der Bildungspolitik etwas zu erreichen. Doch das neue Schuljahr 2018/19 wartet nicht auf neue Minister. Jetzt müssen die drängenden Aufgaben in Angriff genommen werden, damit das Schuljahr im Herbst ohne Chaos beginnen kann. Im Rahmen einer Pressekonferenz hat Thomas Gehring deshalb sechs Hausaufgaben benannt, die jetzt erledigt werden müssen.

 

1. Hausaufgabe: Unterrichtsausfälle vermeiden

Die Personalversorgung an den Schulen ist auf Kante genäht. Lehrkräftemangel, Unterrichtsausfall, hohe Arbeitsbelastungen sind die Folge. Die sogenannten „mobilen oder integrierten Reserven“ für Vertretungen von Lehrkräften im Krankheitsfall sind nie ausreichend. Die zunehmende Zahl von Pensionseintritten – immer mehr auch während des Schuljahres – verschärfen die angespannte Unterrichtssituation. Gleichzeitig stehen gut ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer auf der Straße. Mittlerweile werden Lehrkräfte anderer Schularten für Grundschule, Mittelschule, Förderschule und Berufsschulen nachqualifiziert.

Ganz generell haben wir es mit einer Trendwende bei der Entwicklung der Schülerzahlen zu tun: Es gibt wieder mehr Schülerinnen und Schüler! Das erfordert eine Neuaufstellung der langfristigen Bildungsfinanzierung und eine Reform der Lehrkräftebildung. Doch um den Ausfall von Unterricht bereits im kommenden Jahr zu verhindern, muss jetzt reagiert werden.

Das ist zu tun: Unterrichtsaufälle ausgleichen

- Aufstockung der mobilen bzw. integrierten Reserven
- Aufbau einer eigene „Reserve“ für Lehrerinnen, die wegen Schwangerschaften nicht mehr unterrichten
- Geld statt Stellen für Schulen, denen keine integrierte bzw. mobile Reserve zugewiesen wird, so dass sie flexible Lösungen vor Ort finden können.

Das ist zu tun: Unterrichtsversorgung verbessern

- Angebote flexibler Lösungen für Lehrkräfte, die z.B. stundenweise während der Elternzeit unterrichten wollen
- Bedarfe abfragen: z.B. für Lehrkräfte, ob Grundschul- oder Gymnasiallehrkräfte, die als „Lotsen“ in den unteren Gymnasialklassen aus der Elternzeit                       zurückkommen wollen
- Ausbau der Angebote der Nachqualifizierung für Lehrämter anderer Schularten
- Unterrichtsreduzierung für Lehrkräfte, die andere Lehrkräfte in der Qualifizierung unterstützen
- Schulartübergreifenden Einsatz von Lehrkräften ermöglichen, z.B. erfahrener Gymnasiallehrkräfte, die in den unteren Gymnasialklassen unterrichtet haben, in der        Grundschule
- „Reaktivierung“ oder „Anwerben“ abgewiesener Grundschullehrkräfte, die vor einigen Jahren trotz exzellenter Noten keine Einstellung bekommen haben
- Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglichen,
- Bessere Bezahlung der Grundschullehrkräfte

Generell gilt: Wir Grüne wollen eine 110-prozentige Lehrkräfteversorgung an jeder Schule, damit Unterrichtsausfälle durch Krankheiten, Klassenfahrten oder Fortbildungen vor Ort aufgefangen werden können.

2. Hausaufgabe: Ganztag in der Grundschule ausbauen

Die sogenannte Ganztagsgarantie von Ex-Ministerpräsident Seehofer ist Geschichte. Sie war ohnehin so vage, dass nicht überprüfbar ist, inwieweit sie umgesetzt wurde. Bayern ist auf alle Fälle weit entfernt von einer ausreichenden und gut aufgestellten Ganztagsbetreuung und -bildung. Zuletzt hat die Bertelsmann-Stiftung den „letzten Tabellenplatz Bayerns“ im Bundesländervergleich dokumentiert. Gegenwärtig gibt es in Bayern acht Parallelangebote mit unterschiedlichen pädagogischen Qualitäten und Finanzierungen. Die Große Koalition im Bund hat jetzt einen rechtlichen Anspruch auf Ganztagsbetreuung im Grundschulbereich beschlossen und wird dafür auch Mittel in Milliardenhöhe zur Verfügung stellen, die an die Kommunen gehen werden.

Das heißt: Die Ganztagspolitik in Bayern muss neu aufgestellt werden. Wir Grüne gehen davon aus, dass der Wunsch der Eltern nach einem Ganztagsangebot im Grundschulalter in den nächsten zehn Jahren auf 80% steigen wird.

Das ist zu tun: Bessere und ausreichende Ganztagsangebote in Bayern schaffen

- Gespräch mit der Bundesregierung über die wesentlichen Fragen im Zusammenhang mit der „Ganztagsgarantie“ des Bundes suchen, dabei die Folgen für Bayern       schnell abschätzen und konkrete Planungen anstoßen: Dazu muss die Qualität der bestehenden Angebote verglichen und die Landschaft der Ganztagsangebote       in Bayern für die Zukunft neugestaltet werden. Ziel: Reduzierung Modellvielfalt
- Für den Bau von mehr Räumlichkeiten und das erforderliche pädagogische Fachpersonal braucht es gewaltige finanzielle Anstrengungen.
- Jetzt mit entsprechender Qualifizierung für pädagogische Fachkräfte im Ganztag beginnen, da nicht genügend Fachkräfte vorhanden sind
- Bessere Zusammenarbeit Kultus- und Sozialministerin, weil bisher beide für den „Ganztag“ verantwortlich sind

3. Hausaufgabe: Reform des Gymnasiums beginnen, nicht abschließen

Die noch von Ex-Kultusminister Spaenle vorgestellte Stundentafel mag zwar ein Kompromiss unterschiedlicher Interessensvertretungen sein, blockiert aber ein tatsächlich „neues“ neunjähriges Gymnasium. Faktisch werden die wesentlichen Innovationen auf die neue 11. Klasse verlegt, die allerdings von den Schülerinnen und Schülern auch ausgelassen werden kann. Im Wesentlichen gibt es keine Veränderungen der Stundentafel, die tatsächlich mehr Freiräume für naturwissenschaftliche, politische und digitale Bildung sowie praktisches Lernen ermöglichen würden. Ein weiterer „Geburtsfehler“ ist, dass die auf die Unter- und Mittelstufe auf die neue Oberstufe vorbereiten soll, aber konkrete Aussagen, wie diese aussehen soll, bisher vermieden werden. D.h. das Ziel spielt also bei der Konzeption des „Unterbaus“ keine Rolle.
Auch ein besserer „Einstieg“ für Kinder aus der Grundschule in das Gymnasium ist derzeit nicht zu erwarten, da weiterhin die zweite Fremdsprache in der sechsten Klasse beginnt.

Das ist zu tun: Neue Ideen für das Gymnasium zulassen

- Das Gymnasium braucht ein pädagogisch-didaktisches Gesamtkonzept, bei dem eine profilbildende Oberstufe bereits mitgedacht wird. Dazu gehören: die               Entwicklung neuer Unterrichtsformate und Fächerverbindungen sowie neue Formen des Projektlernens.
- Das Gymnasium braucht Zeit und Raum für zeitgemäße naturwissenschaftliche Bildung, politische und demokratische Bildung, digitale Bildung und integrierte           Berufsorientierung
- Notwendig ist eine Umorientierung von tradierten Fächerstrukturen und Stundentafelm hin zu einem zukunftsorientierten Gymnasium
- Wiederaufnahme des Dialogs über die weitere Reform des Gymnasiums zum „G 9 neu“

4. Hausaufgabe: Digitalisierung richtig umsetzen

Die CSU-Regierung hat zwar einen Masterplan Digitalisierung vorgelegt, doch ein Gesamtkonzept ist nicht zu erkennen. Die kommunalen Spitzenverbände vermissen ein pädagogisches Konzept, Standards für die einzelnen Schulen sowie die Klärung der drängenden Finanzierungsfragen. Noch immer ist unklar, wie die Digitalisierung selbst Thema im Unterricht werden kann. Dabei sind Medienkompetenz, sicherer Umgang mit Daten und digitale Selbstorganisation wichtige Bildungsziele für die Zukunft.

Das Fach Informatik soll zwar an allen weiterführenden Schularten eingeführt werden, aber noch fehlen die Inhalte eines Faches Digitalkunde, das die umfassenden Bildungsziele anstrebt, so dass die jungen Menschen „digitale Mündigkeit“ erreichen können. Ebenfalls noch in den Kinderschuhen steckt eine Lehrkräftefortbildung, die Lehrerinnen und Lehrer befähigt, digitale Medien so im Unterricht einzusetzen, dass sie individualisiertes Lernen für die Schülerinnen und Schüler verbessert. Und auch an den Grundvoraussetzungen mangelt es noch: Weder die Breitbandversorgung vieler Schulen noch deren moderne IT-Ausstattung ist sichergestellt. Die sich daran anschließende Frage der Wartung ist ebenfalls ungeklärt.

Das ist zu tun: Sich jetzt den Aufgaben der Bildung im digitalen Zeitalter stellen

- Zielorientierte runde Tische über die Zukunft des „Handyverbots“ – die Schule darf die Lebenswelt der Kinder/Jugendlichen nicht ignorieren, der Umgang mit Handy    in Schulen muss deshalb geregelt und pädagogisch aufgegriffen werden
- Umstellung Schulfinanzierungsgesetz von der Kreidezeit auf die digitale Zeit – das heißt: Dialog mit den Kommunen, wie Digitalisierung an Schulen unter                  Beachtung des Konnexitätsprinzip finanziert wird (Themen: Landesmittel für NetzbetreuerInnen an Schulen, schneller Breitbandanschluss für alle Schulen,                Ausschreibung, Anschaffung und Erneuerung der IT-Ausstattungen)
- Beginn einer Fortbildungsoffensive „Digitalisierung für Lehrkräfte“ (Aufgreifen Anregungen aus Ausland und anderen Bundesländern)

5. Hausaufgabe: Bildung in der Einwanderungsgesellschaft

2016 wurden auf Druck der Opposition 1.079 neue Lehrerstellen für den Unterricht von jungen Flüchtlingen und AsylbewerberInnen geschaffen – vor allem für den Ausbau der Übergangsklassen an Grund- und Mittelschulen und der Berufsintegrationsklassen an den Berufsschulen. Damit die jungen Menschen tatsächlich Erfolg in der Berufsausbildung und in der Schule haben, müssen diese Maßnahmen allerdings verstetigt werden. Dazu kommt: Der Zuzug von Kindern und Jugendlichen aus dem Ausland, ob als Kinder von Geflüchteten oder als Kinder von ArbeitsmigrantInnen, gehört für Bayern weiterhin dazu.

Das Recht auf Bildung für alle Kinder und Jugendlichen, die in Bayern sind, muss umgesetzt werden, denn Bildung ist die entscheidende Voraussetzung für Integration. Zentrales Kriterium für den Schulerfolg aller Kinder und Jugendlichen ist die deutsche Sprache. Das bayerische Bildungswesen muss insgesamt fit gemacht werden für die Einwanderungsgesellschaft, die längst Wirklichkeit ist. Integration ist eine Daueraufgabe.

Das ist zu tun: Begonnene Maßnahmen in Regelangebote überführen

- Schulische Angebote für Migrant*innen als ständige Aufgabe des bayerischen Bildungssystems verankern – Schulen müssen in der Lage sein, alle Kinder                 unabhängig von kulturellen oder sozialen Hintergrund zu fördern
- Bildungs- und Berufssprache Deutsch muss über den Anfangsunterricht hinaus für alle Kinder und Jugendlichen systematisch durch Unterricht in Deutsch als              Zweitsprache, durch sprachsensiblen Unterricht in allen Fächern und über Jahre gefördert werden
- Zusätzlichen Deutschunterricht und Sprachförderung als Daueraufgabe verankern – Lehrkräfte für Deutsch müssen als Zweitkräfte fest zum Kollegium einer Schule    gehören und auch fest beim Freistaat angestellt werden
- Fähigkeiten junger Menschen in ihrer Herkunftssprache anerkennen und fördern

6. Hausaufgabe: Berufliche Bildung besserstellen

Seit Jahren sind berufliche Schulen unterversorgt. Bereits zu Schuljahresbeginn fehlen genügend Lehrkräfte, um den Pflichtunterricht abzudecken. Dabei nehmen die Aufgaben der beruflichen Schulen zu. Die Schülerschaft wird immer heterogener, Jugendliche, die noch schulische Defizite haben oder deren Sprachkenntnisse noch nicht ausreichen, brauchen Unterstützung. Besser qualifizierte Azubis, wie etwa Abiturient*innen, die ja für Lehrberufe gewonnen werden sollen, brauchen zusätzliche Angebote, etwa in Fremdsprachen. Eine Abbruchquote in der dualen Ausbildung von 25 Prozent offenbart Defizite in der Berufsorientierung, Berufsvorbereitung wie auch in der Begleitung (Unterstützung, Coaching) während der Ausbildung.

Das ist zu tun: Berufliche Bildung zur Chefsache machen

- Wir brauchen ein „Sofortprogramm berufliche Bildung“
- Bessere Ausstattung der beruflichen Schulen mit mehr Stellen und Mittel, damit sie ihre Grundversorgung verbessern und zusätzliche Angebote zur individuellen        Förderung ihrer Schüler*innen machen können
- Sprachliche Förderung für junge Geflüchtete und Migrant*innen, die in einer Ausbildung sind, damit sie ihr Ausbildungsziel erreichen
- Aufstockung der Mittel, da die Digitalisierung für berufliche Schulen eine besondere Herausforderung darstellt (Industrie 4.0., Handwerk 4.0)